Der Wunderapostel – Leseprobe

Der Wunderapostel – Leseprobe

Wiedersehen mit einem Freund


Leseprobe aus dem Roman

DER WUNDERAPOSTEL

von Hans Sterneder


Die Fürstin sieht die Trauer auf seinem Gesicht und versteht sie.

Unauffällig greift die Hand der Hausfrau nach der Klingel.

Ihnen gegenüber öffnet sich die Tür und in ihrem Rahmen erscheint ein schöner, schokoladebrauner Jagdhund von edlem Wuchs. Er macht einige Schritte in den Raum, wird die fremden Gäste gewahr, hält ein, hebt den klugen Kopf mit den großen, hängenden Ohren und wittert.

Wie ein Blitz fährt Beatus aus seinem Lederstuhl auf. Starrt entgeistert auf das Tier und unwillkürlich, ohne sich dessen bewusst zu sein, fährt das Wort aus seinem Munde, das ihm so teuer ist:

„Tristan!“

Zu groß ist die Ähnlichkeit …

Da reißt es dem Hunde den Kopf zum Rufer, sie alle sehen deutlich, wie das schöne Tier stutzt und mit funkelnden Lichtern den Stehenden mustert.

Der aber breitet die Arme weit auseinander und ruft noch einmal den geliebten Namen voll Zärtlichkeit und Glückseligkeit. Es ist kein Zweifel, es ist Tristan, sein Hund, sein lieber, teurer Gefährte!

Da stößt das Tier einen Jubellaut aus, so menschlich beredt, wie sie es alle, mit Ausnahme des Wunderapostels, noch nie von einem tierischen Wesen gehört, schießt wie ein Pfeil auf seinen so plötzlich wiedergefundenen Herrn zu und springt mit einem Freudengebell an ihm in die Höhe. Beatus will den Wiedergefundenen umklammern, der fortgesetzt in unbändiger Freude und wie von Sinnen heulend und bellend an ihm emporspringt. Und er fällt auf die Knie, nimmt ihn in seine Arme, presst ihn an seine Brust, schmiegt sein Gesicht an den Kopf des Tieres und ruft immer wieder seinen Namen. Und Tristan leckt seine Wange, redet zu ihm und erzählt ihm, wie viel Seelennot er gelitten seit jener grausamen Trennungsstunde, wie er getrauert und sich gesehnt und wie er nur einen Gedanken gehabt die ganze Zeit: ihn!

Beatus versteht sein Tier, versteht jeden Laut. Zwischen Zärteln und Liebkosen laufen ihm die hellen Tränen über die Wangen.

Aufs Tiefste ergriffen folgen die drei dem überwältigenden Vorgang, der in der Seele der Frau das starke Gefühl aufsteigen lässt, dass nicht bloß im Menschen Göttliches steckt.

 

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