Hans Sterneders autobiographische Romane – Teil 3

Hans Sterneders autobiographische Romane – Teil 3

Das Hohelied der Landstraße


In den ersten beiden Folgen unserer Reihe haben wir Ihnen Hans Sterneders Romane „Der Bauernstudent“ und „Der seltsame Weg des Klaus Einsiedel“ vorgestellt. Im ersten beschreibt er künstlerisch verfremdet („Dichtung und Wahrheit“) seinen Weg zum Schriftsteller und im zweiten seine Zeit auf dem Rittergut des Großvaters. Im dritten Teil nun wenden wir uns Sterneders zweitem Roman zu: DER SONNENBRUDER. Hat Sterneder im SELTSAMEN WEG DES KLAUS EINSIEDEL seine Landstreicherjahre nur kurz angerissen und sich auf die Zeit in Naumburg beschränkt, so beschreibt er im SONNENBRUDER ausführlich seine Erlebnisse auf der Landstraße – natürlich nicht als Autobiographie, sondern als Roman literarisch verdichtet und erhöht.

Teil 3: DER SONNENBRUDER

Einführung zu innigstem Naturerleben. Die Literaturkritik behauptet, dass es der schönste Landstreicherroman sei. Er erzählt von meinem zweijährigen Leben auf der Landstraße.“
(Hans Sterneder)

War es im BAUERNSTUDENTEN Wolf Hess und im SELTSAMEN WEG Klaus Einsiedel, so heißt die Hauptfigur im SONNENBRUDER Beatus Klingohr. In den Buchbesprechungen seiner Zeit erntete Sterneders Geschichte von dem feinsinnigen Walzbruder ähnlich positive Kritiken wie zwei Jahre zuvor sein BAUERNSTUDENT. Dr. Egbert Delpy bezeichnete ihn in der Rheinisch-Westfälischen Zeitung als „dichterische Glanzleistung“ und Franz Carl Endres als „ein Geschenk an das deutsche Volk, wie ich kein schöneres weiß.“ Die Schwäbische Tageszeitung schrieb: „Das deutsche Schrifttum ist durch dieses Buch um einen der schönsten Romane der neuen deutschen Romantik bereichert worden. Ein Reichtum innerlichen Erlebens, eine Fülle stimmungsvoller Bilder aus deutschen Landen und mitten drin Menschenfreundschaften von bezwingender Treuherzigkeit.“ Der Reichslandbund sprach von einem „Meisterstück, das für den weiteren Werdegang des Bauerndichters zu hohen Erwartungen berechtigt“. Die Berliner Morgenzeitung schrieb: „In wundervollen Bildern deutscher Landschaften, in prächtigen Menschen, im Stimmungszauber märchenhafter Romantik offenbart sich die kosmische Sehnsucht, die, wie in dem Verfasser, auch in vielen Menschen unserer Tage lebt. Ihnen vermag dieses Buch Richtung und feierliche Erhebung zu geben.“

Der Sonnenbruder“ spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und wenn wir Beatus Klingohr zum ersten Mal begegnen, liegt er behaglich am Ufer des Chiemsees im Gras und schläft. Es ist „die Stunde, in der die Märchen lebendig werden“, und so ist Beatus umgeben von den seltsamsten Geschöpfen der Märchenwelt: Bergmännchen, Elfen, Faune, Elementargeister … Und die große Mutter Natur selbst kündigt ihren Kindern das Menschlein als einen an, „der viele von euch dereinst durch die Kraft seiner Liebe aufwärtsführen und erlösen wird.“

Doch bis dahin ist es noch weit. Als Beatus am nächsten Morgen erwacht, haben sich die märchenhaften Traumwesen der Nacht verflüchtigt. Die Realität holt ihn ein, und in dieser Realität ist Beatus Klingohr nichts Besonderes. Im Gegenteil, er ist ein Nichts, ein Niemand, ein namenloser Herumtreiber, ein Vagabund, ein Landstreicher, ein Walzbruder. Doch Beatus ist anders als viele seiner Wanderbrüder. Er ist ein feinfühliger Mensch, ein Künstler, ein Naturliebender – und ein Gottsuchender.

Ein Schicksalsschlag hatte ihn hinausgetrieben auf die Landstraße, hinaus aus einem Dasein in Fülle und Reichtum, hinaus auf die Flucht vor seinem alten Leben und auf die Flucht vor sich selbst, vor seinen Erinnerungen und seinen seelischen Wunden und Narben. Das war vor einem Jahr. Seitdem zieht er umher bei Wind und Sturm, Hitze und Kälte, Sonne und Regen.

Doch was erlebt er alles auf der Landstraße, auf seinem nimmer endenden Weg von hier nach da und von da nach dort! Und welchen Menschen begegnet er! Da ist der quicklebendige, schelmische Vögeli-Heini auf seiner ewigen Suche nach dem goldgekrönten Haselwurm. Oder der hünenhafte alte Evangelist, der als Bibelbote durchs Württembergische zieht und Gott ganz im Herzen trägt. Auch dem alten Schäfer von Gerhausen begegnet Beatus, einem Mann, der nicht viele Worte macht, der aber tief verwurzelt ist in der Stille und den Geheimnissen der Natur.

So erlebt Beatus viel Schönes auf den Landstraßen des 19. Jahrhunderts. Er genießt die unbeschwerte Leichtigkeit der Sommertage und die herzliche Freundschaft seiner Wanderbrüder. Aber er bekommt auch die erbarmungslose Härte des Winters zu spüren und die versteinerte Ablehnung kalter Herzen. Er erlebt beides: Himmel und Hölle, Freude und Niedergeschlagenheit, Herzenswärme und Gefühlskälte. Ein Auf und Ab zwischen Wonne und Schmerz.

Angefeuert [Anm.: durch die positive Kritik zum BAUERSTUDENT] schrieb ich das zweite Buch, in dem ich einen Teil meiner Wanderjahre unter dem Titel: „Der Sonnenbruder“ zu Papier brachte. Die Kritik schenkte mir einmütig weiter ihr Lob und nannte das Buch den schönsten Landstreicherroman deutscher Zunge.“
(HANS STERNEDER)

Eines Tages hört Beatus von einem Mann, dem so wunderliche Dinge nachgesagt werden, dass alle Welt ihn nur den Wunderapostel nennt. Vögeli-Heini erzählt ihm zuerst von dem geheimnisvollen Fremden, der Evangelist ist mit ihm befreundet, und auch der Schäfer kennt ihn. Heinrich Truckenbrodt, ein fahrender Bäckergeselle, den es nach Paris zieht, hilft Beatus bei der Suche nach dem Wunderapostel – und Tristan natürlich, ein schokoladenbrauner Jagdhund, der Beatus irgendwo zugelaufen und seitdem nicht mehr von seiner Seite gewichen ist.

Zu dritt erkunden sie Hauswände und Mauern im herbstlichen Straßburg, suchen nach dem „Zinken“, dem Walzbruderzeichen des Wunderapostels, und verzweifeln, als sie es nicht finden. Enttäuscht geben sie die Suche auf und machen sich gemeinsam auf den Weg nach Paris. Doch der Weg wird zur Tortur. Herbstliche Kälte, Dunkelheit, Regen, Ablehnung und offene Feindschaft machen ihnen das Leben schwer. Dann bricht auch noch der Winter über sie herein. Schnee und Kälte zerquälen ihre Glieder. Gendarmen jagen und verhaften sie, der heißgeliebte Tristan wird ihnen entrissen, sie werden in einen Güterzug verfrachtet und in die Schweiz und von dort weiter nach Österreich abgeschoben. Zerschlagen und als Häufchen Elend sitzen sie am Heiligen Abend in einer Bregenzer Landstreicherunterkunft und fragen sich, was das neue Jahr ihnen wohl bringen mag. Ob Beatus dem Wunderapostel doch noch begegnen wird?

Die von Hans Thoma gestaltete Zeichnung für den Buchumschlag der Erstauflage.

In einer Rezension für die Zeitschrift „Die schöne Literatur“ schwärmte Adolf Potthoff 1923 über den SONNENBRUDER:

Das Hohelied der Landstraße, wie es seit Eichendorff nicht wieder erklungen ist. […] Ich wüsste nicht, wann ich in einem modernen Buche ein Kapitel von der poetischen Kraft gelesen hätte, wie es das erste Kapitel des Landstreicherromans ist. Dieses Verbundensein mit der Natur, dieses Weben und Leben mit Baum und Strauch, diese geradezu franziskanische Versunkenheit in die Wunder der Welt und dieses edle Menschentum in den ‚Sonnenbrüdern‘, die hier durch Sonne und Regen, durch Schnee und Eis über die Straßen der Erde laufen, heimatlos überall und doch in der Natur zu Hause wie der König in seinem Palaste nicht daheim sein kann – das ist etwas ganz Wunderbares.“

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Hans Sterneder
Der Sonnenbruder
Hardcover, 384 Seiten
ISBN 978-3-940964-00-7
LINK zum Buch auf unserer Verlagshomepage

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Lesen Sie hier die weiteren Teile der Reihe „Hans Sterneders autobiographische Romane“:

Teil 1: DER BAUERNSTUDENT

Teil 2: DER SELTSAME WEG DES KLAUS EINSIEDEL

Teil 4: DER WUNDERAPOSTEL (in Planung)

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